Wie kann gesellschaftlicher Zusammenhalt gelingen?
Mit dem Videoprojekt „Zusammenfinden“ widmen sich die Europäischen Wochen einer der drängendsten Fragen unserer Zeit. In kurzen Beiträgen reflektieren Persönlichkeiten aus Politik, Literatur und öffentlichem Leben ihre Perspektiven, Hoffnungen und Zweifel. Die Beiträge sind während der Festspiele über QR-Codes, Video-Inseln und online zugänglich – als Einladung zum Innehalten, Zuhören und Weiterdenken über Europas Zukunft.
Teilnehmende:
Nava Ebrahimi (Autorin und Publizistin)
Navid Kermani (Autor und Publizist)
Alexander Schallenberg (Bundeskanzler a.D. der Republik Österreich)
Prof. Hans-Werner Sinn (ehem. Präsident des ifo-Instituts)
Ilse Aigner (Präsidentin des Bayerischen Landtags)
Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter (ehem. Direktor der Akademie für Politische Bildung Tutzing)
Florentine Zieglowski (Co-Founder RespectFarms)
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Das Laub frisch geschlüpft. Hell, neongrün fast. Die Sonne, die von oben durch es hindurch scheint. Der See, der es von unten anglitzert. Der frühsommerlich blaue Himmel, wolkenlos und noch unverbraucht. Es sind die Kontraste und es ist das Zusammenspiel. Beides zugleich bannt meinen Blick vor lauter Schönheit, lässt mich an einen Gott glauben. Beinahe. Ich halte kaum aus, wie unfassbar friedlich die Welt wirken kann. Wie harmonisch, wie versöhnlich. Selbst in diesen Zeiten. Was sind diese Zeiten? Schwierige, komplexe. Herausfordernde. Überfordernde, polarisierende, dystopische. Dynamische, fragile, wegweisende. Was stimmt? Es hängt davon ab, was wir einander erzählen. Wie wir übereinander denken. Was wir füreinander tun. Es hängt davon ab, was wir sein wollen. Wir? Vielleicht sogar einzig davon. Kann das sein? Diese Zeiten: Das ist dieses Wir. Dieses Wir braucht, das wir einander ins Gesicht sehen. Im Antlitz eines anderen erkennen wir dessen Verwundbarkeit, ob wir wollen oder nicht. Und wir können uns nicht davor drücken, Verantwortung für ihn zu übernehmen, schrieb der französische Philosoph Emmanuel Lévinas. Wir können diese Verantwortung nicht delegieren. Wir – ich – muss auf diese Verletzlichkeit antworten. Ich kann mich des Appells nicht entziehen, das vom Antlitz eines anderen Menschen ausgeht. Darin gleichen wir, und so begegnen wir einander. Von Angesicht zu Angesicht nehmen wir unsere Verantwortung wahr – unzählige Male. Jeden Tag. Von Angesicht zu Angesicht schließen wir einen Pakt. Wir schaffen es, weil wir es schaffen wollen. Wir wollen nicht verletzen. Und wir wollen nicht verletzt werden. Von Angesicht zu Angesicht suchen wir danach, was uns eint. Wir finden es, weil wir es finden wollen. Wir wollen nicht getrennt, wir wollen verbunden sein. Ich weiß so vieles nicht, aber das weiß ich: Wir wollen verbunden, wir wollen zusammen sein. Wir alle streben danach, jeder auf seine Weise. Vielleicht ist das die einzig interessante Unterscheidung zwischen uns: Auf welche Weise? Uninteressant dagegen: Geschlecht, Herkunft, Sprache, Religion, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Bildung, Einkommen, Gesundheit, Gewicht. Auf welch unterschiedliche Weisen wir versuchen, uns verbunden zu fühlen, bedeutsam für ein Gegenüber zu sein, das interessiert mich. Aber nie zweifle ich daran, dass wir das wollen. Alle – letztlich. Und deshalb hoffe ich.
Liebe Freunde der Festspiele Europäische Wochen Passau,
lange glaubten wir Europäer, wir kennen unsere Zukunft. Wir dachten, dass wir für immer in einem posthistorischen und postnationalen Paradies des Friedens leben könnten, unberührt von Konflikten, Pandemien und Krieg. Doch in den letzten Jahren mussten wir schmerzhaft lernen, dass unser Urlaub von der Geschichte vorbei ist und dass wir wieder dort sind, wo der Rest der Welt schon immer war. Wo wir keine Insel der Seligen sind, wo die Zukunft uns nicht auf einem Silbertablett serviert wird, wo sie chaotisch ist, sich an eine Reihe von Entscheidungen an Zufällen ergibt und manchmal hart erarbeitet werden muss, voller unerwarteter Stolpersteine und Krisensituationen. Und von diesen Krisen gibt es ja, wenn man sich die Weltlage so betrachtet, wahrlich genug. Ein Feuerring von Kriegen und Konflikten um Europa. Eine geschwächte internationale Ordnung. Handelskriege, Aufrüstung, Migration, künstliche Intelligenz – diese Liste ließe sich noch fortsetzen. Keine dieser Krisen lässt sich schönreden. Wir haben in den letzten Jahren mehrere Eiskübel ins Gesicht geschleudert bekommen. Beginnend mit der Pandemie, dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, den Gewaltausbruch im Nahen Osten nach dem Progrom der Hamas gegen Israel und der Entfremdung im transatlantischen Verhältnis. Doch das hat auch sein Gutes. Die Europäer beginnen langsam aufzuwachen. Wir beginnen endlich mit offenen Augen, den Problemen unserer Zeit entgegenzublicken und die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, anstatt so, wie wir sie uns wünschen würden. Das ist aber ein durchaus intellektuell schmerzhafter Prozess. Dazu braucht es mehr Realismus, Pragmatismus und ja, Transaktionalismus. Aber wir werden das auch schaffen, davon bin ich überzeugt. Was mich am meisten beunruhigt, ist unsere mentale Verfasstheit in Europa, unser Mindset.
Oft habe ich den Eindruck, dass Europa zu einem Kontinent der Schwarzmaler und Untergangspropheten geworden ist. Anstatt zu fragen: Wie soll unsere Zukunft aussehen? Höre ich leider viel zu oft: Wir haben sowieso keine Zukunft. Die gehört längst den Chinesen, den Populisten oder Silicon Valley. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir intellektuell den eigenen Untergang schon fast lustvoll im Voraus zelebrieren, bevor die Herausforderung überhaupt eingetreten ist. Doch wenn wir Europäer so leichtfertig die Flinte ins Korn werfen, überlassen wir es destruktiven Kräften, unsere Zukunft zu gestalten. Dann erlauben wir feindlichen Akteuren, aus Angst Kapital zu schlagen, unsere Lebensweise zu untergraben und Europa als schwach, zaghaft und uneinig darzustellen? Kurzum: Dann geben wir ihnen regelrecht die Munition in die Hand, um Hoffnungslosigkeit als Waffe einzusetzen. Denn das Gegenteil von Hoffnung ist nämlich nicht Pessimismus, also die Erwartung, dass die Dinge schlecht ausgehen, sondern Zynismus, die Grundhaltung, dass unser Handeln der Gegenwart gar nicht erst Sinn macht. Genau deswegen werden solche Narrative bewusst von feindlichen Akteuren, seien sie in China oder Russland, vorangetrieben. Wenn ich also die öffentlichen Debatten in Europa verfolge, habe ich manchmal das Gefühl, das spöttische Gelächter aus Moskau und Peking zu hören. Sie lachen sich ins Fäustchen, weil wir schon 50 % ihrer Arbeit selber machen. Wir dürfen es ihnen aber nicht zu leicht machen. Denn seien wir uns ehrlich: Europa ist nach wie vor der lebenswerteste Kontinent auf der Welt. Menschen wandern nicht nach China oder Russland aus, um sich dort ein neues Leben aufzubauen.
Nein, sie wollen nach Europa kommen. Die Anziehungskraft des europäischen Lebensmodells ist nach wie vor ungebrochen. Daraus müssen wir Kraft und Selbstvertrauen ziehen. Darauf müssen wir auch stolz sein. Und was unser europäisches Modell so besonders macht, ist nicht nur, dass es auf Grundfreiheiten, Pluralismus und Demokratie basiert, sondern dem Streben nach Erkenntnis und Innovation, aber auch dem Selbstverständnis, dass Kunst, Freude und Genuss ein ganz essenzieller Teil des Lebens sind. Ich höre zurzeit oft den Satz: Europa darf nicht zu einem Museum werden. Auch wenn das als Aufruf zum Handeln gemeint ist, ist es, wie ich finde, eine sehr unglückliche Metapher. Als ließe sich die europäische Kultur auf ein paar schöne Bauten reduzieren, von denen Instagrammer gerne Selfies machen. Dabei ist Kultur in Europa etwas ganz und gar Lebendiges. Und gerade auch die Festspiele in Passau zeigen es. Auf einem Kontinent, der Jahrhunderte von Kriegen geplagt wurde, erinnert uns Kunst an unsere gemeinsame Menschlichkeit. Ob Biennale, Oktoberfest, Eurovision, Neujahrskonzert, Festspiele Passau oder auch das Küchenradio. Es gibt kaum etwas, das uns Menschen so zusammenbringt und uns verbindet und so viel Freude bereitet wie gemeinsames Staunen, Erleben, Lachen, Singen oder Tanzen. Genau deshalb ist gerade jetzt, in Zeiten des Umbruchs und der Verunsicherung, Kunst kein Luxus, sondern überlebenswichtig. Denn wenn Waffenlärm das Klima für Verhandlungen vergiftet, wenn Feindseligkeit Verständnis übertönt, dann braucht es besonders Kunst und Kultur, die uns Hoffnung geben und uns eine Zukunft eröffnen, die jenseits der Grenzen der Gegenwart liegt. In diesem Sinne wünsche ich den Festspielen Europäischen Wochen Passau weiterhin viel Erfolg und vor allem europäischen, hedonistischen Kunstgenuss.
Menschen zusammenzubringen, war eigentlich schon immer im Zentrum von Respect Farms. Respect Farms ist sogenannter Systemintegrator. Systemintegration bedeutet in unserem Zusammenhang, unterschiedliche Technologien zu integrieren, zu kombinieren und dann an unsere Customer Group, also an unsere Landwirte, weiterzugeben. Und wir befinden uns mit Respect Farms im Bereich der Zellkultivierung. Das bedeutet im Bereich der Systemintegration, dass wir einerseits die Sprache der Biotechnologie sprechen müssen und andererseits die Sprache der Landwirtschaft. Und das ist auch immer eine Herausforderung, auch einfach diese beiden Sprachen zu sprechen. Und das bedeutet, dass man auch immer offen sein muss, dem anderen zuerst zuzuhören und vielleicht den anderen auch zuerst sprechen zu lassen.
Ich glaube, um aus Skepsis wieder Vertrauen zu schaffen für unsere Gesellschaft, bedeutet es vor allem einfach auch, ja zuerst dem anderen zuzuhören und dem anderen den Vortritt zu lassen. Und die Grundeinstellung, würde ich sagen, muss einfach stimmen. Wir müssen uns als Gesellschaft verändern im Bereich der Grundeinstellung einfach auch, sich dem bewusst zu sein, dass es auch sein könnte, dass der andere recht haben könnte, die andere Seite recht haben könnte.
Stärker in Möglichkeiten als in Gefahren zu denken. Ja, das ist, glaube ich, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sehr, sehr wichtig, weil wir damit aufhören müssen, dass wenn man was macht und es dann nicht gut läuft oder man mal einen Fehler macht, dass das auch nicht schlimm ist.
Wir sind alle menschlich, wir alle machen Fehler und das Wichtige dabei aber ist, wenn wir weiter vorankommen wollen als Gesellschaft, dass das okay sein muss, dass man Fehler macht und dass auch andere Fehler machen können. Und ich glaube, in der Möglichkeit besteht auch immer die Gefahr. Es besteht immer ein Risiko. Und es gibt so einen Spruch, der ist in meinem Freundebuch, den habe ich mal bekommen, als als ich in der Grundschule war, von meiner Freundin. Und der sagte: „Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.“ Und ich glaube, das zeigt, dass auch vor allem mit den Möglichkeiten und Gefahren, dass wir da einfach ein bisschen offener sein müssen. Und naja, den ersten Schritt zu gehen und ins Ungewisse zu gehen, ist auch manchmal gefährlich. Aber es ist eine riesengroße Möglichkeit. Und wir müssen vor allem die Möglichkeiten einfach wieder mehr sehen.
„Wie finden wir zusammen?“ lautet die Leitfrage, zu der auch ich mich äußern soll und möchte. Und ich denke dabei spontan an meine Reisen. Meine letzte Reise führte mich in den Sudan, in den Bürgerkrieg. Und man ist dort so weit weg von allem, was die Menschen hier angeht, interessiert, beschäftigt. Dabei sind es gar nicht so viele Kilometer. Und die Frage stellt sich deshalb für mich so essentiell: Wie finden wir zusammen? Mit den Menschen beispielsweise im Sudan und nicht so sehr: „Wie finden wir zusammen in Köln oder in Hamburg oder als deutsche Gesellschaft“? Für mich ist die Welt eine Welt und es macht mich traurig und verzweifelt, dass nach meinem Eindruck – ich bin jetzt schon sehr viele Jahre, Jahrzehnte unterwegs, habe viel gereist, war in vielen Kriegen und vielen Krisen – die Welt eher auseinandergerückt und nicht zusammenfindet. Dass wir in vielerlei Hinsicht schon viel weiter waren und dass sich Dinge leider auch zurückentwickeln auf einer rechtlichen Ebene gesehen. Und dass das Völkerrecht ja nicht nur in Frage gestellt, sondern als vollkommen irrelevant behandelt wird. Nicht nur von dem Führer der sogenannten freien Welt, sondern inzwischen auch von dem eigenen Bundeskanzler. Es gab ja wirkliche Fortschritte. Man hat gesehen, die Menschheit war imstande zu lernen aus Katastrophen. Die Gründung der Vereinten Nationen, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, das Völkerrecht: All das waren wirklich bahnbrechende Entwicklungen. Auch das europäische Projekt, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet und etabliert haben. Und wir sehen jetzt auf allen Ebenen, dass die Menschheit nicht nur lernen, sondern auch verlernen kann.
Und auf einer ganz persönlichen Ebene ist es eben so, dass ich mit meiner eigenen Biographie zu sprechen: Ich bin aufgewachsen in den frühen 80ern, also politisch sozialisiert worden in den frühen 80er Jahren. So etwas wie Dritte Welt Bewegung, Nord Süd Dialog. Mir war – kann man auch infrage stellen – Nicaragua näher als Dresden, der Orient näher als Russland. Also ich will nicht sagen, dass wir nicht auch unsere, nicht auch meine blinden Flecken hatte, aber zumindest interessierten sich die Menschen doch für die Welt. Und wenn irgendwo eine Hungerkatastrophe war, dann hat man sich gekümmert. Es gab einen Live Aid, es gab Karlheinz Böhm, es gab Demonstrationen für und gegen Kriege. Und jetzt habe ich den Eindruck, in Ländern wie Sudan tobt ein Krieg, den westlichen Verbündete führen, auf die wir Einfluss hätten. Und es ist uns einfach egal, obwohl wir sehr direkt in den Krieg involviert sind. Wenn wir allein das Gold in unseren Tresoren nehmen, das zu einem guten Teil aus dem Sudan kommt und diesen Krieg finanziert. Wir wissen das, aber es ist uns egal. Oder eine meiner vorherigen Reisen führte mich in den Süden Madagaskars, wo die Vereinten Nationen die erste klimabedingte Hungerkatastrophe der Menschheit erklärt hatten. Und eine Hungerkatastrophe ist ein großes Ereignis. Das erklären die Vereinten Nationen nicht jedes Jahr. Das ist wirklich etwas Epochales und wenn ich an die Hungerkatastrophen der 80er, 70er Jahre-Denke, dann waren das eben auch Weltereignisse. Da hat es die Öffentlichkeit beschäftigt, uns beschäftigt. Und der Grund für meine Reise war, dass es wieder eine Hungerkatastrophe gab, eine Hungerkatastrophe, mit der wir sogar kausal verbunden sind.
Denn wir unter anderem sind ja verantwortlich für den Klimawandel, nicht ein Land wie Madagaskar, das 0,01 % der weltweiten Emissionen beisteuert. Und es hat nicht einmal die Klimabewegung mitbekommen. Und das könnte ich jetzt fortsetzen. Und dadurch fühle ich mich auch zunehmend fremd in diesem Land, wenn ich gleichzeitig Weltbürger sein möchte in bester deutscher Tradition. Wenn man daran denkt, dass das Wort Kosmopolit von Lessing in die deutsche Sprache eingeführt worden ist und die deutsche Literatur, die deutsche Musik, die deutsche Kultur, der kreative und tolle Teil der deutschen Kultur sich immer in dieser europäischen und weltoffenen und selbstkritischen Tradition sah. Die Dichter, die wir als Deutsche bewundern, hatten alle einen sehr, sehr kritischen Bezug zu Deutschland, ein schwieriges Verhältnis zu Deutschland. Und jetzt merke ich, dass wir immer selbstbezüglicher werden. Und deshalb stellt sich die Frage für mich nicht so sehr Wie finden wir als Deutsche zusammen? Das ist schwierig genug, aber vielleicht noch irgendwie lösbar. Sondern wie finden wir als Welt zumindest in Ansätzen wieder zusammen, wieder zueinander, so dass wir uns verantwortlich fühlen für Dinge, die weit weg geschehen und von denen wir doch wissen, dass sie uns auch direkt betreffen. Denn nicht erst, wenn die Krisen in Form von höheren Benzinpreisen und Drogen und billigeren Drogen und viel zu heißen Sommern und Flüchtlingen und Terroranschlägen wirklich dann bei uns angekommen sind. Wir sind miteinander verbunden, viel mehr, viel stärker noch als jemals zuvor in der Geschichte. Und umso trauriger und schmerzlicher ist es, dass wir trotz Internet, trotz Globalisierung uns als Weltgemeinschaft immer weiter voneinander wegzurücken scheinen.
Die Festspiele in Passau sind eine Konstante. Das ist immer wieder toll, was angeboten wird. Und ich freue mich, wenn ich beitragen kann durch ein paar Gedanken zu Themen, die mir aufgetragen wurden. Das sind natürlich ökonomische Gedanken, vielleicht viel zu prosaisch für diese Fragestellung mit den Festspielen, aber dennoch einfach ein paar Worte. Also was sind die ökonomischen Perspektiven für uns? Welche Rolle spielen wirtschaftliche Rahmenbedingungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Ja, natürlich alles. Wenn die Wirtschaft nicht funktioniert, dann wird das Wirtschaften häufig als Nullsummenspiel interpretiert. Und der eine glaubt, er könnte nur was haben, wenn er es dem anderen wegnimmt. Und dann sind wir im Bereich der Sozialstaatsdebatte und solcher Dinge. Das ist schädlich und kontraproduktiv. Weil, das ist ja nicht eine wirtschaftliche Tätigkeit, sondern das Sinnen und Trachten der Menschen muss sich darauf richten, in ihrem Bereich das Richtige zu tun, ihren Bereich zu ordnen, eine vernünftige Stelle zu finden, sich dafür auszubilden, dann Geld zu verdienen und das, was man dann tut, das macht ja den Kuchen größer. Und wenn der Kuchen größer wird, ist es ein funktionierendes Modell. Wenn man anfängt, darüber zu reden, dass die anderen mehr haben als man selber und es ihnen auf irgendeine Weise wegnehmen will, dann bricht natürlich auch ein System zusammen. Mit Russland ist ja unser Geschäftsmodell zusammengebrochen. Wir haben billige Energie, billige Rohstoffe gekriegt aus Russland und jetzt müssen wir uns das bei den Amerikanern und sonstwo auf den Weltmärkten alles teuer besorgen. Und wir haben natürlich jetzt auch das militärische Problem. Also was passiert bei der Straße von Hormus mit dem Iran und den Amerikanern. Nun gut, dies wird ja, dieses Video wird ja später gesendet, dann hat sich das in irgendeiner Weise schon entschieden.
Hoffen wir mal das Beste. Aber der Ukrainekrieg wird wahrscheinlich noch nicht vorbei sein und Putin ist beharrlich und erhöht die Schlagkraft seiner Angriffe auf die Städte der Ukraine. Die eigene Armee sitzt fest in den Ostgebieten und will sich auch offenbar nicht jetzt direkt weiter bewegen. Oder schafft es nicht. Aber die Drohnen und die anderen Flugkörper erreichen die Städte, die im Westen angesiedelt sind. Kyjiw natürlich, vor allem die Hauptstadt. Aber selbst bis Lemberg – Lwiw – kommen die Raketen und die Drohnen. Also das haben wir noch nicht gelöst, dieses Problem. Und Europa ist sich nicht richtig einig, wie man vorgehen soll. Vor allem sind die Amerikaner mit uns nicht einig. Die sagen: Jetzt löst die Europäer das Problem doch bitte alleine. Wir haben damit nichts zu tun. Was ein Treppenwitz der Geschichte ist, denn es waren ja die Amerikaner, die darauf gedrungen haben, dass die Ukraine unbedingt in die NATO kam. Bush junior 2008 hat ja dieses veranlasst und das war eben kein Kurs, der auf friedliche Zusammenarbeit ausgerichtet war. Der hätte bestanden 2001, da kam Bush junior an die Macht und der junge Putin war auch frisch in seinem Amt und hat versucht, mit ihm zu verhandeln. Nach dem September Eleven. In demselben Jahr 2001. Und diese Verhandlungen führten zu gar nichts, weil Bush nicht wollte, er wollte den Sieg irgendwie auskosten. Diese Cowboymanieren, die damals in Amerika vorherrschten, die sehen wir heute wieder bei Trump und das führt eben zu ganz unheilvollen Entwicklungen. Man muss den Gegner und auch den ideologischen Gegner so nehmen, wie er ist und muss trotzdem versuchen, mit ihm Frieden zu machen.
Denn man kann ja nicht davon ausgehen, dass die ganze Welt nach unserer Fasson selig werden muss. Das ist naiv, das zu glauben, dass man das jemals erreichen kann. Man muss die anderen Mächte dieser Welt so nehmen, wie sie sind. Und wenn die Hand ausgestreckt wird zu Verhandlungen, dann muss man sie auch ergreifen. Schon Kant hat gesagt: Länder, die Handel treiben, die gegenseitigen Austausch suchen, die führen keine Kriege miteinander. Der Krieg ist irgendwie der Urzustand der Menschheit. Aber es ist ein ganz schrecklicher Zustand, den man glaubte, durch die Entwicklung der Marktwirtschaft historisch in den letzten 10.000 Jahre zu überwinden. Marktwirtschaft heißt: Wenn ich was haben will, kann ich es kriegen, ich muss nur dafür bezahlen. Und der vorkulturelle Zustand, in dem die Menschheit eine Million Jahre vorher existiert hat, das war ein Zustand des Krieges, wo ohne viel Tausch man sich die Ressourcen genommen hat, die man haben wollte. Das ist eine ganz schlimme Zeit. Europa muss sich einigen. Wir müssen den Schulterschluss suchen. Und wir müssen jetzt dringend das bauen, was in der Nachkriegszeit eigentlich schon probiert wurde von den Ländern der Montanunion, die ’52 bis ’54 einen Vertrag für die Schaffung einer gemeinsamen Armee und die Abschaffung der nationalen Armeen unterzeichnet hatten. Bis auf Frankreich. Frankreich wollte es nicht. Und das ist natürlich ein Dauerproblem. Weil die Franzosen die Atomwaffe haben, wollen sie keinen anderen in die Nähe kommen lassen. Ich weiß nicht, wie die Europäer das lösen, aber es führt kein Weg daran vorbei, dass wir uns zusammentun in Europa.
Liebe Festspielfreundinnen und -freunde,
die Europäischen Wochen in Passau waren 1952 ein erster Anstoß für den europäischen Einigungsprozess. Bis heute stehen sie für den Aufbruch in eine neue Zeit. Eine neue Zeit für unser Land und für unseren Kontinent.
Sie stehen für die Werte von Freiheit und Demokratie, für kulturelle Vielfalt, Völkerverständigung und Menschlichkeit. Deshalb hat der Bayerische Landtag die Stadt Passau als einen der ersten Orte zum Ort der Demokratie in Bayern ausgezeichnet. Hier wurde und hier wird Geschichte geschrieben.
Und in der Tradition von einst als US-amerikanische Offiziere und die Stadt die Europäischen Wochen ins Leben riefen, stellen sich die Festspiele bis heute den zentralen Fragen und Herausforderungen unserer Zeit. In den letzten Jahren mussten wir erleben, wie in einigen Bereichen zentrale Gewissheiten weggebrochen sind. Nationalistische Egoismen haben sich wieder breitgemacht, regelrechte Großmannszucht, der Krieg, der Krieg ist zurück in Europa.
Weil ein Autokrat im größten Land des Kontinents sich das zweitgrößte einverleiben möchte. Pure Barbarei, Tag für Tag, in unserer direkten Nachbarschaft. Populismus und gesellschaftliche Spaltung schreiten voran, getrieben von Stimmungsmache, mit Angst, Wut und dem Verächtlichmachen unseres Staates, unseres Gemeinwesens.
Da stellt sich keine Frage dringlicher als jene, die in Europäischen Wochen in Passau heuer gestellt wird. Wie können wir trotz wachsender Spannungen und Gegensätze zusammenfinden? Und genau darauf habe ich nur eine einzige Antwort, mit Zuversicht, mit dem Glauben an unsere Stärke. Stärke, die aus Freiheit erwächst, aus gegenseitiger Verantwortung.
Für unser Leben, für unser Glück und füreinander, für unser Miteinander und für das Gemeinwohl. Ich setze meine Hoffnungen darauf, dass eine überwältigende Mehrheit in unserem Land sich nicht mitreißen lässt von Zwietracht, von Missgunst, dem Schlechtreden und Übereinander herziehen. Ich setze auf Zusammenhalt.
Die Europäischen Wochen Passau sind eines der traditionsreichsten Kulturfestivals im Herzen Europas. Seit fast 75 Jahren sprechen hier Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt dieselbe Sprache, die Sprache der Musik. Namhafte Denkerinnen und Denker kommen hier zusammen, um im Dialog neue Akzente zu setzen, in festgefahrene Debatten.
Unser Land ist so viel stärker, als es viele Schlechtreden wollen. Ich mache da nicht mit, weil ich täglich Menschen treffe, die es besser wissen, die es besser machen und die anpacken. Ich bin ein Teil der Bevölkerung, oft im Ehrenamt, die Mut machen, die kreativ und unendlich tatkräftig sind.
Die beweisen, wir können zusammenfinden, indem wir uns bewusst machen, dass wir zusammen gehören. Die freiheitliche Demokratie gibt uns ein festes Fundament für ein Leben in größtmöglicher Selbstbestimmtheit und Individualität. Unser Rechtsstaat und unser Sozialstaat schaffen den Rahmen für ein Leben in Verantwortung.
Wir können zusammenfinden, indem wir erkennen, dass wir mehr gemeinsam haben, als uns trennt. Dass wir einander brauchen und dass uns ein Gegeneinander nur schadet. Dass wir miteinander einfach mehr erreichen können und dass der andere schlicht und ergreifend gar nicht so anders ist.
Wir können zusammenfinden, indem wir wieder mehr miteinander reden als übereinander. Und das bedeutet rauskommen aus den Blasen, die insbesondere über die sogenannten sozialen Medien entstanden sind. Abwenden von den großen Fake News, Desinformationen und Verschwörungslegenden, die uns spalten wollen. Reden wir wieder miteinander.
Versuchen wir zu verstehen, nicht gleich abzublocken. Lernen wir wieder, andere Meinungen auch auszuhalten. Gesittet zu streiten, nicht gleich alles persönlich zu nehmen.
Früher, früher ging das doch auch. Im Parlament, wie auf der Straße, am Stammtisch, im Verein, da wo wir zusammenkommen. Lernen wir, dass wir das wieder genießen.
Und das wünsche ich mir überall in unserer Gesellschaft. Und hier in Passau, da bin ich sicher, werden die Europäischen Wochen dazu einmal mehr entscheidend beitragen. Ich wünsche eine schöne Festspielzeit, beseelende Musik und bereichernde Gespräche.
Alles Gute und herzlichen Dank an alle, die diese wertvolle Tradition in Passau hochhalten und pflegen.
„Zusammenfinden“ – das ist eine große Herausforderung und eine Selbstverständlichkeit zugleich.
Eine Herausforderung: Schon in der Familie und in Freundeskreisen kommen wir nicht ohne Verschiedenheiten und ohne Konflikte aus. Und finden – oder raufen – uns doch zusammen. Selbstverständlich, weil wir sonst keinen Lebenszusammenhalt mehr hätten. Im Privatem, im Alltag, ist das „Zusammen“ eher normal: als erstrebte Gemeinschaft im Leben.
Im öffentlichen Leben, in Politik und Gesellschaft aber konkurrieren diese unterschiedlichen Gemeinschaften. Warum?
Weil eine Freiheitsordnung auf der Entfaltungsfreiheit eines jeden Menschen beruht. Weil jeder Mensch sich artikulieren und mit anderen organisieren – also „zusammenfinden“ – kann, die seine Meinungen und Interessen teilen. Die Gesellschaft ist eben keine Gemeinschaft. Unterschiede prägen sie. Sie ist ein Konglomerat ganz unterschiedlicher „Zusammenfindungen“. Pluralismus heißt das. Um im Pluralismus „zusammenzufinden“, ist eine besondere Tugend verlangt: die Toleranz, die Toleranz, die auf dem Respekt vor der Freiheit jedes anderen Mitglieds einer solchen Freiheitsordnung beruht, auch und gerade wenn [die nicht die anderen] sie einem selbst widerspricht.
Auf der Basis solch profilierter „Zusammenfindungen“ zum Gemeinwohl zu finden – das kann nur eine gesprächsoffene, eine kommunikative Demokratie. Sie setzt voraus: ob bei Diskurs, Debatte oder Streit stets Respekt in der Form und in der Sache. Denn nur dann kann Pluralismus, kann die große Freiheit aller „zusammenfinden“.
Einfacher „zusammenfinden“ läßt sich, wenn eine weltanschauliche, ideologische, kulturelle oder ganz persönliche Macht ihre Herrschaft behauptet und durchsetzt – wie in der gegenwärtigen [vielfach] Welt deutlich und gefährlich zu sehen. Allerdings ist das ein „Zusammenzwang“ – ohne Freiheit und Vielfalt. Hierzulande haben wir nach dem Zivilisationsbruch der Nazizeit nach 1945 ziemlich erfolgreich auf dem Weg in eine Freiheitsordnung „zusammengefunden“. Andere auch. Und dieser Weg hat über die nationalen Grenzen hinaus Strahlkraft entfaltet: denken wir an die Erklärung der Menschenrechte oder die „zusammenfindende“ europäische Integration. Diese Integration hat daran erinnert, daß z.B. die Kultur, auch die politische, soweit sie einer Freiheitsordnung zugewandt ist, nicht ein nationales Gut, sondern ein grenzüberschreitendes europäisches Gemeinschaftsgut ist. [Diese] Erinnerung [war/ist die] Antwort auf menschliche und kriegerische Katastrophen.
Diese Antwort scheint an Einsicht zu verlieren: mit Folgen für politische Ziele und Stile. Die Kommunikation in der Gesellschaft bezieht sich im Gefüge der neuen Medien zunehmend auf das zusammengefundene Selbst, [gewissermaßen auf] geschlossene Separatismen. Dort und in der Öffentlichkeit wird sie respektloser und rauer. Sie verliert den „zusammenfindenden“ Pluralismus aus dem Auge.
Und supranational? Daß es für die Nationen auch ein spezifisches historisch-kulturelles „Selbst“ gibt, ist nicht zu bestreiten. Doch eine politisch-ideologische Übersteigerung dieses „Selbst“ verliert das „Zusammen“ aus dem Auge. Auch vor der allgemeinen Menschenwürde verliert es den Respekt. Besondere aktuelle Herausforderung: deutlich radikale Nationalismen bedrängen die integrativen Aspekte der europäischen und supranationalen Politik. Sie beseitigen ziemlich dümmlich die nicht zuletzt sogar ökonomischen Gewinne, die durch gemeinschaftliche Öffnungen errungen worden waren.
„Zusammenfinden“ begreift sich unter demokratischer Freiheit als relativ. Unter den Prinzipien der Aufklärung muß es vehement vertreten werden. „Zusammenzwingen“ beruht dagegen auf freiheits- und pluralismuswidrigen Dominanzen. Es besitzt verführerische Kraft für Ich-Bezogene, für das Selbst. Pluralität und Komplexität sind schwieriger zu beherrschen als Dominanz und simple Macht. Sie sind auch schwieriger zu verteidigen – zumal es schon im Alltag verführerisch ist, sich durchzusetzen. Trotzdem erscheint es angesichts unserer historischen Erfahrungen unabdingbar, die das Individuum und die Mächtigen praktisch, intellektuell und ethisch herausfordernden komplexen Wege des „Zusammenfindens“ kompromisslos zu verteidigen. Schließlich wollen wir nicht von Feinden der Menschenwürde und des Pluralismus, auch nicht von ökonomischen und die Kommunikation beherrschenden Oligarchen oder von Diktatoren beherrscht werden, die unser wohlverstandenes [tolerantes] „Selbst“ nicht respektieren. Wir wollen [es] integrativ entfalten.
[mutig selbst]







